In diesem Sammelband zum 450. Geburtstag von Jakob Böhme sind sechs kleinere mystische und theosophische Schriften zusammengestellt, unter denen sich eine befindet, deren Inhalt man durchaus als sensationell bezeichnen könnte. Dazu muß man über die menschengemachten Zustände der Gegenwart reflektieren.
Zwei verschiedene Spezies der Gattung „homo“
Es drängt sich einem unweigerlich der Verdacht auf, daß sich auf diesem Planeten verschiedene Spezies von Menschen tummeln. Allein bei der Benennung treten die Unterschiede in der Charakterisierung deutlich zu Tage: Die einen werden als „Menschen eines guten Willens“, dann weniger freundlich als „Schlafschafe“ bezeichnet, die anderen wurden schon vor 2000 Jahren als „reißende Wölfe im Schafspelz“ tituliert und weiterhin sogar als „Teufel“ oder „Bestien in Menschengestalt“. Wer aber hat schon davon gehört, daß ein deutscher Theosoph genau diesen Verdacht bereits vor 400 Jahren nicht nur bestätigt, sondern auch noch die Erklärung dafür im Detail geliefert hat? In der Vorrede zu der Schrift „Sechs theosophische
Warnung an den Leser
In der Vorrede zu der Schrift „Sechs theosophische Punkte“ richtet Jakob Böhme eine drastische Warnung an seine Leser: „Wir haben dieses Werk nicht für die unvernünftigen Tiere geschrieben, die äußerlich die Gestalt eines Menschen haben, aber im Geiste böse und wilde Tiere sind, welches sich an ihren Eigenschaften
zeigt und darstellt. Sondern für Menschen, die aus dem tierischen Abbild hervorgrünen mit einem Menschenbild, das in Gottes Reich gehört ……“ Diese verbale Trennung in bösartige, unvernünftige Menschen und Menschen, die dem Ebenbild Gottes nahe kommen, wird von Jakob Böhme ausführlich erläutert und ja, es gibt tatsächlich zwei Arten von Menschen auf diesem Planeten:
„9. … Es wohnen also zwei Geschlechter der Menschen auf Erden nebeneinander: Das eine sind richtige Menschen, die Gott im Rock der Demut und des Elends dienen. Der Teufel verspottet sie und plagt sie mit dem anderen Geschlecht und vollbringt alle seine Wunder mit und durch diejenigen, die ihm dienen. 10. Und das andere Geschlecht nennt sich auch Menschen; sie gehen auch in Menschengestalt einher, aber sie sind böse Tiere. Sie ziehen das Kleid ihres Königs an, das Falschheit heißt und leben in der Kraft der vier Elemente ihres Königs, nämlich in Hochmut, Geiz, Neid und Zorn“. (Sechs theosophische Punkte, 6. Punkt 10, 9-10)
Der Mensch hat es nun in seiner Macht, in diesem Materieleben zu entscheiden, wohin er im jenseitigen Leben gehört: „28. … Es ruhen zwei Reiche in ihm, auch zweierlei Eigenschaften und Gesetze:
(1) Das göttliche Reich der Liebe und Gerechtigkeit;
(2) Das grimmige Reich durch das Aufsteigen des Hochmuts in der Macht des Feuers im strengen, herben, höllischen Geiz, Neid, Zorn und Bosheit: Welchem sich der Geist zuneigt, demselben Reich gehört er an.“
Das, was Böhme nur in dieser kleinen Schrift schildert, ist quasi ein Schlüssel zum Verständnis des Verhaltens dieser menschlichen Kreaturen der Finsternis bzw. deren verkrüppelte Seelen. Ihre ganzen abscheulichen Aktivitäten spiegeln nichts anderes als „die Hölle auf Erden“ – so wie damals am Beginn des dreißigjährigen Krieges, so auch heute und auch künftig – wieder.
Auch in den anderen fünf Schriften widmet sich Jakob Böhme modern anmutenden Kernfragen menschlicher Existenz und legt Zeugnis davon ab, daß sie aus der Erkenntnis eines hocherleuchteten Menschen – aus dem Gnadenlicht Gottes (Unterricht über die letzten Zeiten 1. Brief, 60) – geschrieben wurden.
Der Mensch als Gegenüber des göttlichen Willens
Der Mensch ist nach Böhme unmißverständlich „ … geschaffen zu einem Gegenüber des göttlichen Willens, mit dem Gott in uns etwas tun will und die irdischen Kreaturen sind zu einem Gegenüber des menschlichen Lebens geschaffen, mit denen der Mensch etwas tun soll. Des Menschen Wille soll mit dem Willen Gottes über alles natürliche und kreatürliche Leben herrschen!“ (Theosophia, 2, 14)
Er unterteilt die Menschen in vier Typenkategorien, die bereits bei Hildegard von Bingen (1098–1179) in ihrem Werk „Ursache und Behandlung von Krankheiten“ (1150-1160) dargestellt wurden: cholerisch, sanguinisch, phlegmatisch und melancholisch.
Melancholische oder depressive Zustände
Böhme geht speziell auf den Zustand der Melancholie oder modern ausgedrückt, depressiver Erkrankungen, ein, da dieser Zustand alle anderen betreffen und bis zum Selbstmord führen kann – der Bezug zur Gegenwart ist nahezu erschreckend: „In keinem anderen Zustand wird der Wille des Teufels mehr offenkundig als im melancholischen …“
(Trostschrift in Zeiten der Anfechtung, 37) „Es geschieht oft, daß selbst die allerheiligsten Seelen so verfinstert und traurig werden.“ (ibid, 44).
Die Erklärung ist nach Böhme darin zu suchen, daß es sich um besondere seelische Herausforderungen oder Angstzustände handelt, in denen die Seele nach Antworten suchen soll. Solche Seelenkämpfe gehen immer einem höheren Erkenntnisstand bzw. dem göttlichen Trost voraus und sind auch keinem Heiligen erspart geblieben:
„Es ist den großen Heiligen genauso ergangen, daß sie lange Zeit um das edle Ritterkränzlein kämpfen mußten. Keiner wird damit gekrönt, wenn er nicht darum kämpft“ (ibid, 59).
Am Ende des Sammelbandes steht die „Trostschrift in Zeiten der Anfechtung“ , in der ein Universalheilmittel gegen alle materiellen und seelischen Zustände auf diesem Planeten angeboten wird: Jesus Christus, der Mittler zwischen Himmel und Erde und zwischen Mensch und Gott: „40. … Christus hat mit Seinem Eingehen in den Tod, in die finstere Kammer des Todes und der Hölle, allen Seelen die Pforte aufgeschlossen und eine jede kann hineingehen. Dadurch ist dem Teufel sein Strick, mit dem er die Seele seit Adam gebunden hatte, am Kreuz zerrissen. O, wie ungern hört er vom Kreuze reden!
Wenn es ernsthaft geschieht, ist es für ihn wie die Pest!“
In einem sehr vergnüglich zu lesenden „Rezept gegen den schwarzen Teufel“ wendet er sich in einem direkten geistigen Zwiegespräch an den Widersacher. Die zeitlose Botschaft an den Menschen lautet, gegen die teuflischen Beeinflussungen und Anfechtungen wie Verfolgungen, Krankheit usw. anzukämpfen oder – falls nicht anders möglich – geduldig zu ertragen im Hinblick auf das jenseitige Leben der Seele im ewigen Licht:
„52. … Wenn die Seele auch eine kleine Weile trauern muss, was soll‘s? Wie bald wird sie des Trauerhauses ledig und kann sich die ritterliche Krone der ewigen Freude aufsetzen! O Ewigkeit, du dauerst so lang! Was soll‘s, wenn eine Seele eine kleine Weile trauern muss und danach die ewige Freude besitzt?“
Herr, du bist unsere Zuflucht!
